Traiskirchen Bericht

Geflüchtete dokumentieren ihre Situation in Traiskirchen und ihren Alltag in Österreich

Presseaussendung, vollständiger Bericht

Seit vier Wochen treffen sich AsylwerberInnen regelmäßig mit MenschenrechtsaktivistInnen von Freedom not Frontex Vienna, um auf ihre Situation und ihre Beobachtungen aufmerksam zu machen; diese Beobachtungen sind auch mit Fotos und Videos belegt. Die AsylwerberInnen haben den Wunsch geäußert, ihre schwierige Situation im Lager für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen, damit es zu schnellen Verbesserungen und humaneren Lebensbedingungen kommt.

Dieser Kurzbericht  ist ein Auszug aus einer längeren Dokumentation, die auf Gesprächen mit 60 Personen beruht. An den Gesprächen nahmen eine Dari-sprachige (größtenteils afghanisch-pakistanische) Gruppe von etwa 35 Personen und eine größtenteils Arabisch-sprachige Gruppe (größtenteils irakisch und syrisch, div. afrikanische Nationalitäten, tw. maghrebinisch) von etwa 25 Personen teil. Details und  Fotos liegen Freedom Not Frontex Vienna vor.

Orientierung im Alltag / eigene Rechte und Rechtslage

„Was sind unsere Rechte?“

So fasst eine geflüchtete Frau aus dem Irak eine Kernfrage der AsylwerberInnen in Traiskirchen zusammen. Vielen der Gefüchteten sind ihre  eigene Rechtslage und ihre Rechte unklar. Das betrifft auch existentiell wichtige Informationen und Termine bezüglich Interviews, Entscheidungen, Kenntnisse zur eigenen Abschiebung, aber auch die rechtliche Möglichkeit die kurzfristige Beschwerdefrist nutzen zu können.

„Wir wissen nicht, wo wir Auskunft erhalten, wir werden von Haus 11 zu Haus 17 zu Haus 25 und wieder zurück geschickt. Nirgendwo gibt es Erklärungen oder finden wir DolmetscherInnen.“

Besonders die fehlende Übersetzung erschwert Klarheit bezüglich der eigenen Situation.

„Egal ob man sein Geburtsdatum angibt oder nicht, es wird meist nicht übersetzt und mit 1. Januar angegeben.“

Das berichten übereinstimmend über 20 AsylwerberInnen aus Traiskirchen. Gibt ein/e AsylwerberIn bei weiteren Einvernahmen erneut das tatsächlich richtige Datum an, wird seitens der Behörden vorgeworfen, das stehe zur ersten Aussage oder zu vorgelegten Dokumenten im Widerspruch. Wegen mangelnder Glaubwürdigkeit kann dadurch Asyl verwehrt werden.

„Noch niemand hat Briefe oder Informationen in einer anderen Sprache als Deutsch erhalten.“

Auch Mitteilungen zur eigenen Rechtslage werden nur in Deutsch erteilt, bemängeln mehr als 20 AsylwerberInnen. Alltägliche Fragen und Bitten versteht und beantwortet fast niemand vom Lagerpersonal, da dafür keine ÜbersetzerInnen verfügbar sind. Auch gebe es keine schriftliche Information über die Infrastruktur und Ressourcen an Gütern des täglichen Bedarfs, schon gar nicht in verschiedenen Sprachen.

„Die MitarbeiterInnen im Lager Traiskirchen können oder wollen uns überhaupt nicht verstehen.“

Aufgrund dieser fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten haben die Geflüchteten auch keinen Zugang zu den zahlreichen Sachspenden, die in Traiskirchen abgegeben wurden, da das Lagerpersonal sie nicht darüber informieren kann oder will, wie sie sich das Nötigste besorgen können.

Repressionen und Willkür

Das Lagerpersonal behandelt die Geflüchteten häufig respektlos und verhängt willkürliche Strafaktionen. Auch Diskriminierungen durch die MitarbeiterInnen in Flüchtlingslagern sind dokumentiert.

„Bei einer Essensausgabe schlug ein Lagermitarbeiter auf den Tisch und provozierte einen Streit mit mir.“

Dieser Familienvater erhielt bei der nächsten Essenausgabe nur für sich, aber nicht für seine Kinder die Mahlzeit, trotz Vorweisen ihrer Identitätskarten.

„Ich leide an Krebs. Als ich aus dem Spital zurückkehrte, sagte mir der Mitarbeiter des Lagers, dass er für mich sicher nicht die Rettung rufen wird. Denn das kostet der Lagerleitung 1.000 Euro und dieses Geld ist nicht vorhanden.“

Oft missen die Geflüchteten nicht nur Hilfestellung bei alltäglichen Bedürnissen, sondern auch in Notsituationen wird ihnen Unterstützung verweigert.

Medizinische Versorgung

Besonders prekär ist die Lage für RollstuhlfahrerInnen, von denen es nach unseren Informationen mindestens vier im Lager gibt, da die Zimmer, Toiletten und Bäder im Camp weder barrierefrei sind, noch rollstuhlgerecht eingerichtet. So schildert ein Betroffener:

„Sie sagten mir, es wäre zu teuer mich in einem Krankenhaus unterzubringen. Sie versprachen mir gute Bedingungen und die Möglichkeit, meine Therapie fertig zu machen. Ich kam hierher und es gibt überhaupt keine medizinische Versorgung! Ich habe keine Therapiesitzungen mehr und meine Gesundheit verschlechtert sich dramatisch. Ich bat eine Ärztin in Traiskirchen um Hilfe, aber sie sagte, dass es hier keine Therapien gebe. Das ist ein sehr deprimierendes Alltagsleben – Ich kann alleine weder auf die Toilette noch ins Bad, da diese nicht für Menschen mit Behinderungen gemacht sind, und niemand unterstützt mich auf einer regelmäßigen Basis.“

Medizinische Betreuung gibt es nur von 8 Uhr bis 16 Uhr; in der Nacht sind keine ÄrztInnen anwesend. Die Wartezeit kann bis zu 5-6 Stunden dauern und in der Warteschlange stehen bis zu über 100 Personen. PatientInnen werden laut Geflüchteter so gut wie nie untersucht: keine Anamnese, Begutachtung, kein Abhören und Messen. Oft werden sie  mit den Worten „Komm morgen wieder“ oder „Das wird von alleine besser“ weggeschickt. PatientInnen, die Medikamente benötigen, erhalten oft nur zwei oder drei Tabletten, auch wenn sie diese öfter oder regelmäßig benötigen.

Besonders die ausreichende medizinische Versorgung für Kinder, chronisch kranker Personen und Notfälle ist den Erzählungen zu folge nicht gegeben. Und die betroffene PatientIn fand auch dann keine Beachtung, wenn sie ÄrztInnen und ÜbersetzerInnen wochenlang auf den fatalen Fehler aufmerksam machte.

„Seit Wochen bekomme ich Medikamente in der falschen Dosis!“

Ein Geflüchteter bestätigt besorgt, dass er sich nicht ernst genommen fühlt von den ÄrztInnen im Lager:

„Ich kann seit über einem Monat nicht richtig atmen, besonders nachts, und habe regelmäßig starke Halsschmerzen. Der Arzt sagt mir immer, ich solle Wasser oder Tee trinken und morgen wieder kommen.“

Schutz für Frauen und Kinder

„In den Frauen-Duschen gibt es keine Türen, diese wären aber dringend nötig. Wenn keine Frauen in den Duschen sind, benützen auch Männer diese. Draußen gibt es mobile WCs, alle sind extrem verdreckt und ohne Papier.

Zahlreiche Mütter und ihre Kinder sind seit mehreren Monaten getrennt von den Vätern untergebracht, teilweise im Freien. Besonders Transfers reissen immer wieder die Familien auseinander. Viele Gefüchtete haben 2-4 Transfers binnen weniger Monate hinter sich.

Unterkunft und willkürlicher Ausschluss aus der Unterkunft

 

Zahlreiche Geflüchtete im Lager sind obdachlos, bzw. völlig unzureichend untergebracht. Dies führt zu schweren psychischen Problemen und  verstärkt traumatisierende Erfahrungen aus dem Herkunftsland und von der Flucht. Geflüchtete berichten auch, dass der Zugang zum Lager willkürlich verweigert wird und sie daher auf der Straße ohne Unterkunft, Esssen und medizinische Versorgung stehen. Ein Betroffener, der vor Kurzem schwerwiegende Verletzungen erlit, berichtet:

Ich sollte dringend  zur Wundkontrolle zum Lagerarzt,  habe aber dort  keinen Zutritt mehr, weil ich einmal zu einem Termin zu spät gekommen war.“

Die Aussage zweier junger Geflüchteter in Traiskirchen gibt wieder, wie die Lagersituation insgesamt wahrgenommen wird.

„Hier in Traiskirchen ist es wie in einem ‚offenen Gefängnis‘. Wir sind zur Untätigkeit verdammt und können daran nichts ändern, genauso wenig wie daran, dass unsere Familie währenddessen im Bombenhagel festsitzen – was für uns das Schlimmste ist. Die Situation in Traiskirchen löst innere Unruhe und psychische Probleme aus.“

Suizide und Suizidversuche

„Es gab zwei Suizide und zwei Suizidversuche innerhalb der letzten Monate im Lager Traiskirchen.“

Damit die Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit dringen, wurden nach Aussagen von Geflüchteten die ZimmerkollegInnen jener, die Suizid begangen hatten, sofort in andere Unterkünften transferiert. Damit es – wie die Geflüchteten sagen –, „top secret“ bleibt.

Kommentar von Freedom not Frontex Vienna

Das Lager Traiskirchen wird von der Politik sehenden Auges seit Monaten in eine humanitäre Katastrophe geführt. Dies ist keine Folge von desinteressierter Politik, sondern eine Form bewußt rassistischer Politik, die Geflüchtete populistisch instrumentalisieren und der Bevölkerung vorspiegeln will, dass die „Flüchtlingsströme“ nicht bewältigbar sind.

Die zunehmende Mobilisierung immer breiterer Teile der Öffentlichkeit und das humanitäre Engagement vieler zeigen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Trotzdem ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Versorgung von Geflüchteten staatliche Aufgabe ist, die von der Zivilgesellschaft nicht kompensiert werden kann oder soll.

Fordern wir gemeinsam ein Ende der rassistischen Ausgrenzungsolitik!